Donnerstag, 16. November 2017

Internationales Copyright 1794/95...wie bitte?

Wer mit meinen Beiträgen der letzten Jahre vertraut ist, der weiß um meine Begeisterung für die damals weit verbeiteten Journale, allen voran das Journal des Luxus und der Moden in Weimar. In der Tat empfinde ich das Stöbern in den Ausgaben so aufregend wie ein Thriller auf den vorderen Plätzen der Bestsellerlisten. Mit diesem Wissen mag es nicht verwundern, dass ich in den letzten Wochen recht häufig dem Geruch alter Bücher und dem fahlen Licht des Bildschirms ausgesetzt war.
Seit meinen Aufsätzen "Abgekupfert - the tale of two cities" und "London 1793 - When the pad went fad (oder: Wie das Schwangerschaftspolster zum Geburtshelfer der hohen Taille wurde" ließ mich das Thema der Verbreitung von Modeneuigkeiten quer durch Europa nicht mehr los.
Nach meiner langen Abwesenheit möchte ich meine werten Leser also heute höflich darum bitten, sich ein wenig Zeit zu nehmen (und vielleicht eine Tasse Tee), um meinem neuen Aufsatz zu folgen, der in Helmina von Chezys Gedenken nichtakademisch gehalten ist...oder wie es Johann Wolfgang von Goethe - keinesfalls herabwertend - als dilettierend bezeichnet hätte.
Those, who know my articles from the past few years, are familiar with my enthusiasm for the fashionable journals, first and foremost the Weimarian Journal des Luxus und der Moden. Actually I feel leafing through these publications is as exciting as the latest thriller on the bestseller list.
Knowing my preferences, it might not be a surprise that I surrounded myself with the smell of old books and the dim light of the laptop screen in the past weeks. Ever since I published the articles "Abgekupfert - the tale of two cities" and "London 1793 - When the pad went fad (oder: Wie das Schwangerschaftspolster zum Geburtshelfer der hohen Taille wurde" I was hooked by the idea how fashion was spread back then.
After a long abscence, I'd kindly ask my dear reader to be prepared for a long read (have a cup of tea while following me), which will be according to Helmina von Chezy a non academic article.

Auf der Suche nach Quellen für das sogenannte Schwangerschaftspolster, führten mich die ausgelegten Spuren der damaligen Journalisten von England über die Niederlande bis nach Deutschland. Während sich das Journal des Luxus und der Moden im Jahr 1793 noch naserümpfend über die englischen Einflüsse zeigte, änderten sie bald ihre Meinung und im Dezember 1794 beugt sich Bertuchs Publikation dem Modewunsch.
On my search for further sources about the famous pad, the traces of the period journalists led me from England to the Netherlands to Germany. While the Journal des Luxus und der Moden was quite sniffish on that particular fashion in 1793, they gradually changed their mind and eventually Bertuch published a much more moderate article on english fashion and influence.
1794, Dezember, Journal des Luxus und der Moden, Weimar (Quelle/source: Heinrich Heine Universität, Düsseldorf)
Transkription:
[...]Sie haben mehrmals in ihrem Journale Deutschland für der Angolmanie gewarnet, und ziemlich sicher vorausgesagt, dass unsere reiche, luxuriöse und genießende Welt von der Französischen auf die Englische Modesucht übergehen, und sich mit heißem Durste in dies Meer stürzen werde. Ihre Prophezeiung scheint zum Teil schon richtig erfüllt zu sein, zum Theil es noch zu werden; denn es ist unverkennbar das Anglomanie in allem, was sich auf Luxus, Wohlleben und Genuss bezieht, mehr als jemals bei uns allgemein wird. Sammeln sie selbst nur einige Züge davon. Unsere Damen tragen jetzt Englische kurze Taillen (und verunstalten damit ihren schönen schlanken Wuchs);[...]
Translation:
[...]You've warned Germany in your publication about the anglomania several times before, and forcasted that our wealthy, luxurious and joyful world would change from the French to the English fashion addiction, and drown with deep desire into the sea of fashion. Your prophecy already seems to be fulfilled in some part, and still is in progress: it is unmistakable that the anglomania is into everything about luxury, good living and pleasure, and that it became common. See how far it has influenced us. Our ladies wear the short waists (and disfigure their beautiful slim body);[...]

Gewisse Spitzen konnte man sich in Weimar gegen die neue Englische Mode nicht verkneifen und versuchte immer noch die kurzen Taillen in den Modekupfern zugunsten der altbewährten Form zu meiden, aber in Berlin dachte man darüber scheinbar anders, denn bei meiner Suche stolperte ich über eine ungewöhnliche Publikation aus dem preussischen Berlin, die sicherlich nicht nur mich fasziniert, sondern auch Luise von Mecklenburg-Strelitz Modegeschmack widerspiegelte. Seit dem Jahr 1793 war sie Königin von Preußen und wohlmöglich kam ihr die Englische Mode da gerade recht, denn im Oktober brachte sie nach einer Todgeburt im Jahr 1794, den Thronfolger zur Welt. Es existieren einige Portraits von Friedrich Georg Weitsch (1758 - 1828) zwischen 1793 und 1795, welche die Königin in der kurzen Taille zeigen.
 Folgende Anzeige erschien im Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode im Jahr 1795 bei Voss & Comp. in Leipzig:
Certain snarky remarks remained common in Weimar about the new English Fashion and we still see only very few short waists in the fashion plates, but things seemed totall different in Berlin, because on my search I stumbled upon an unusual publication from prussian Berlin, which probably not only fascinates me, but might also display Louise of Mecklenburg-Strelitz sense of fashion. Since 1793 she was Queen of Prussia and it's highly likely that the new fashion came in handy as she gave birth to her first son and heir after suffering a stillbirth in 1794. There are some portraits by Friedrich Georg Weitsch (1758 - 1828) between 1793 and 1795 showing her in the latest fashion of the short waist.
The following advert was published in the Journal für Fabrik, Manufaktur, handlung und Mode in 1795 at Voss & Comp. in Leipzig:
1795, Journal für Fabrik, Manufaktur, Handlung und Mode (Quelle/source: googlebooks)
Transkription:
[...]Moden-Gallerie eröffnet von Friedrich Nitze und Compagnie in Berlin 1795. gr.4 Berlin in Commission bei Ernst Felisch Pränummerationspreis 6 Thlr. jedes einzelne Stück 16 Gr
Jährlich erscheinen 12 Hefte, jedes mit zwey, auch drey gestochenen und kolorierten Kupfertafeln[...]
Translation:
[...]Moden-Gallerie opened by Friedrich Nitze und Compagnie in Berlin 1795. gr.4 Berlin in commission by Ernst Felisch. Price for 12 issues 6 Thlr, each one 16 gr.
12 issues per year, each with two or three printed and coloured fashion plates[...]

Es handelte sich um keine Modehandlung, sondern um eine Veröffentlichung von Friedrich Nitze, einem umtriebigen Berliner Händler...und irgendwie kam mir der Titel vertraut vor: Moden-Gallerie? Fashion Gallery? 
Volltreffer! 
Eine spannende Kopie von Nikolaus Heideloffs (1761 - 1837) Publikation aus London!
It wasn't a fashion store, but a publication about fashion from Friedrich Nitze, a businessman from Berlin...and somehow the title seems familiar: Moden-Gallerie? Fashion Gallery? 
Bingo!
It's a fascinating copy of Nicholas Heideloff's (1761 - 1837) publication from London!
(links) 1794 Nicholas Heideloff's gallery of fashion, Frontispiece (Quelle/source: Huffpost) (rechts) 1795 Moden-Gallery Erste Abtheilung Frontispiz (Quelle/source: googlebooks)

Aber eine Kopie im Jahre 1795 bedeutete etwas anderes, denn zum einen gab es kein Copyright und zum anderen wurden alle Bestandteile des Drucks neu gefertigt. Durch Zufall gelang es mir ein Blatt aus der Publikation zu ersteigern. Dieser Kupferstich ist nicht koloriert, gibt aber die Maße der Publikation wieder, die beinah genau dem Maß von Heideloffs Londoner Original entspricht.
But a copy in 1795 meant something completely different than today, first off all there was no copyright and then all parts of the new publication have been made from scratch. Luckily I was able to purchase one of the rare fashion plates from the copy. The print isn't coloured, but it gives a good idea of the measurements, which are almost the same as in Heideloff's original.
 Maße von Friedrich Nitze Moden-Gallerie erste Abtheilung 23.5 x 30 Zentimeter (Gr.4 Quart)
Measurements of Friedrich Nitze Moden-Gallerie Erste Abtheilung 1795 9 1/4 x 11 7/8

November 1794, Nicholas Heideloff's Fashion Gallery, Fig.28/30 Two ladies at breakfast in their dressing room, (image) Material ID  000733000 Bib.ID SB00002307 (Quelle/source: Bunka Gakuen Library)
Es ist auf den ersten Blick zu erkennen, dass in der Ausgabe von Friedrich Nitze, die wohl im April 1795 publiziert wurde, die Damen von ihrem Ankleidezimmer in den frühlingshaften Garten umziehen durften. Das schöne silberne Teeservice durften sie dabei selbstverständlich mitnehmen.
It's evident from the very first glance, that the ladies in Friedrich Nitze's copy, which was probably published in April 1795, were allowed to move from the dressing room into the spring garden. The beautiful and unique silverware tea set would follow...of course.

Verantwortlich für diesen Umzug in den Garten waren der renommierte Künstler Johann Christoph Kimpfel (1750 - 1805) und der Kupferstecher Wilhelm Arndt (1750 - 1813).
Sie interpretierten das originale Blatt von Heideloff neu.
The responsibilty for the move into the garden was taken by the artist Johann Christoph Kimpfel (1750 - 1805) and the engraver Wilhelm Arndt (1750 - 1813).
Both intrepreted the original print into their version.

Aber nicht nur der Kupfer selbst unterlief einer Veränderung, sondern auch der Text erschien in einer Interpretation. Zunächst das Original aus Heideloff's Feder:
But not only the plate was changed accordingly, the text also was newly interpreted. First Heideloff's description of the plate: 

[...]TWO LADIES AT BREAKFAST IN THEIR DRESSING-ROOM.
Fig.XXIX Head-dress. A french night cap, the cawl of worked muslin, with a double border of lace in half plaits; round the head, a broad striped riband quilled, with a large bow behind, and in front. The peignoir, or loose jacket and petticoat of checker muslin, with a very broad hem, and the trimming of plain muslin scalloped. Large muslin handkerchief within the peignoir. A narrow riband tied around the waist. White mules, or slippers.
Fig.XXX. Head dress. Duke of York's night cap of clear muslin, the plaits drawn together at the top, and trimmed with a narrow lace, the whole tied around with a small pink riband; deep border edged with the same lace, falling carelessly round the face; a pink riband round the head, tied in a bow behind. Gown and petticoat of fine calico; the petticoat trimmed with a deep flounce of plain muslin; the gown with a capuchin cape and long sleeves tied at the wrists with pink riband; the whole trimmed with plain muslin. Large muslin handkerchief within the gown. Red Morocco slippers.

Nach der etwas nüchternen Beschreibung der Kupferstiche im Original folgt die Übersetzung in Nitzes Kopie mit einem charmanten Einschub:
After the quite sober description of the fashion plates in Heideloff's original, here's Nitze's translation into German with a charming insertion:
1795, Moden-Gallerie Erste Abteheilung (Quelle/source: googlebooks)
Bevor ich auf den Einschub in Nitzes Text eingehe, zwei Punkte, die sofort in das geübte Auge fallen. Zum ersten verwendet der Herausgeber bei seinem Druck nicht die Fraktur, sondern ganz weltmännisch die Druckschrift Didot-Antiqua.
Noch erstaunlicher aber, dass er die Damen in seiner Überschrift der Modekupfer rasch zu Berlinerinnen macht! Soviel Selbstbewusstsein lässt einen schmunzeln!
Before I translate and explain the insertion, I'd like to point out two things, which seem important.
Firstly the publisher printed the journal not in the old fashioned print type "Fraktur", but in Didot-Antiqua.
Furthermore he changed a part of the headline of the decription and turned the two English Ladies into Berlin ladies! Such self confidence!

Text des Einschubs:
[...]Die Schöne hat ihren Matthisson halb zugeschlagen in der Hand und bespricht sich über eine Stelle, welche ihr vorzüglich viel Vergnügen gemacht zu haben scheint, mit ihrer aufmerksam zuhörenden Freundin, die darüber das Theeeinschenken vergessen hat[...]
Text of the insertion:
[...]The Beauty holds her Matthisson half closed in her hands and talks to her attentive friend about a chapter, which seems to give her much pleasure, while she totally forgets to serve more tea[...]

Die Erwähnung von Friedrich von Matthissons (1761 - 1831) berühmten Gedichtband, der bei dem Züricher Verlag Orrell Füssli erschien, scheint willkürlich, aber immerhin führte es dazu, dass Wilhelm Arndt wenige Jahre später einen Kupfertsich des Lyrikers für den Verlag fertigte...Zufall?
The mention of Friedrich von Matthisson's (1761 - 1831) famous poems, which were published by the Zurich's Publisher Orrell Füssli, seems random, but we know that only a few years later Wilhelm Arndt would publish the print of the poet for Orrell Füssli...coincidence?
"Lass uns Matthissons Gedichte lesen..."
"Shall we read Matthisson's poetry..."

1795, Moden-Gallerie Erste Abtheilung, Friedrich Nitze & Comp., Berlin unkoloriert (Quelle/source: googlebooks)
1795, Moden-Gallerie Erste Abtheilung, friedrich Nitze & Comp. Berlin, koloriert, No.E.21667-1957 Versehentlich Nicholas Heideloffs Gallery of Fashion zugeschrieben (Quelle/source: V&A Museum, London)

Und wie reagierte nun Weimar auf den selbstbewussten Friedrich Nitze und seine Kopie des berühmten Londoner Journals? Noch etwas zögerlich setzte das Journal des Luxus und der Moden nur einen Monat später im Mai 1795 das Puderjäckchen in einem Modekupfer um.
And how did Weimar react to the self-confident Friedrich Nitze and his copy of the famous London journal? Still a bit hesitant the Journal des Luxus und der Moden published a fashion plate only one month later in May 1795 with a similar peignoir.
Mai 1795, Kupfertafel 14, Journal des Luxus und der Moden Ident Nr. 14134835 (Quelle/source: smb Staatliche Museen Berlin)
Das freizügige Kopieren verbreitete die Mode aus England Mitte der 1790er rasch durch Europa und es lohnt sich wirklich die Modekupfer mit wachen Augen zu betrachten. Es ist spannend zu sehen, welche Unterschiede bei der Anfertigung der jeweiligen Druckvorlagen entstanden sind und wie im jeweiligen Text der Modedrucke Botschaften vermittelt wurden.
The widely spread practice of copies passed the English fashion in the mid 1790s all over Europe and it is truly rewarding to look at the fashion plates with keen eyes. It's exciting to spot the differences and read the text with their unique messages.
June 1795, Heideloff's Gallery of Fashion, Fig IV. Material ID  000733000 Bib.ID SB00002307 (Quelle/source: Bunka Gakuen Library)
September 1795, Moden-Gallerie Erste Abtheilung Friedrich Nitze & Comp. Berlin (Quelle/source: googlebooks)

Dezember 1795, Allgemeines Europäisches Journal, Traßler, Brünn (Quelle/source: hathitrust)
Also bei mir wurden es dann letztendlich drei Tassen Tee und eine halbe Tafel Schokoladen, dennoch hoffe ich, dass ungeachtet der Länge, der Aufsatz ebensoviel Vergnügen beim Lesen wie beim Schreiben bereitet und meine Leser Modekupfer mit noch mehr Freude betrachten!
Well, in the end I had three cups of tea and half a bar of chocolate, yet I hope that the article, despite it's lenght, has brought some exciting information and that my readers enjoy looking at fashion plates even more!

Mittwoch, 17. Mai 2017

Adieu meine kleine Muse

An diesem Montag zeigte sich die Welt vor der Tür in ihrem sonnigsten Frühlingsgrün,
aber in unserem Haus legte sich der dunkelste Schatten hernieder.
Der Nähtisch ist verwaist - unsere gemeinsame, glückliche Reise mit Mila endete.
Eine Reise, die vor acht Jahren begann, als wir Mila das erste Mal auf einer Pflegestelle begegneten. Geboren in Moskaus Straßen, hatte sie das große Glück auf einen langen Flug nach Westfalen gehen zu dürfen, unser Herz eroberte sie im Sturm. 
Wir versuchten ihr all das zu schenken, was sie in ihrem ersten Lebensjahr nie erfahren hatte:
Liebe, Geborgenheit, Sicherheit, den besten Platz auf der Couch und im Bett und all die Freiheit, die ein Katzenleben ausmacht, um nach einem Abenteur im Garten in unsere Arme zurückzukehren.
Und sie überschüttete uns mit ihrer Liebe...uns und jeden, der in unser Haus kam.
Ohne sie werden wir uns nie wieder ganz fühlen.
This Monday, when the world outside was in it's brightest spring green, the darkest shadow overcasted our home.
The sewing table is abandoned - our happy and amazing journey with our Mila ended.
A journey, which took it beginning eight years ago when we met her in her foster home.
Born in Moscows streets, she was one of the few lucky ones to go on a long plane flight, she conquered our hearts in a rush.
We tried to give her what she was lacking in her first year of life:
love, comfort, safety, the best place on the couch and bed and all the liberties a cat's life should offer, after her adventures in the garden she always returned into our comforting arms.
And she showered us with her love...and everyone, who stayed with us.
Without her we will never feel whole again.

Adieu, meine kleine Muse! Adieu kleines Milchen!
Wir sind unendlich dankbar, dass wir mit Dir leben und Deine unbändige Liebe tagtäglich erfahren durften. Diese Liebe wird uns mit den wunderbarsten Erinnerungen durch die schweren Tage und Tränen tragen.
Adieu, my tiny muse! Adieu tiny Milchen!
We are deeply grateful that we were chosen to have you with us and experience your overabundance of love. This love will guide us through the dark days and tears with the most beautiful memories.

Mila (2008-2017)

Sonntag, 14. Mai 2017

Im Maiensonnenschein zieh' Dir ein keckes Hütgen in die Stirn

Lang hat er sich bitten lassen, der Frühling! Aber nun im Mai glänzt er seine wärmende Gegenwart endlich über die saftigen Buchenblätter...Zeit für ein neues Hütgen!
Aber nicht ganz neu, denn der Rohling darbte eigentlich schon lange in meinem Fundus und da man auch damals gern alte Stücke der Mode entsprechend umarbeitete oder aufhübschte, war es an der Zeit den Strohhut aus der Versenkung zu holen. Ja, man erkennt es schon an den Zeilen, eine große Liebe war das nicht zwischen mir und der Kopfbedeckung, aber das sollte sich in diesem Frühling ändern.
Ich hatte noch ein paar Reststücke puderrosa Satin und ein wenig blauen Seidentaft vom gequilteten Spenzer...und natürlich eine Inspiration!
Spring was quite hesitant this year! But now in the month of May it's warm presence finally glittered over the lush green of the beech trees...time for a new bonnet!
But not entirely new, because the base for the hat was in my stash for a while already (a few years to be exact), and as it was always common to alter or decorate worn pieces according to the latest fashion, it was time to get the old straw bonnet out of the closet. Yes, you may already read in my lines that it wasn't a great love between me and said hat, but this should change this spring.
I also had a few scraps of powder rose sateen and some silk taffeta from the quilted spencer...and some inspiration.
1800/01 Fulchran-Jean Harriet, Wife of the artist (Quelle/source: wiki commons)
ca.1800 Anonymous, Portrait of a lady (Quelle/source: Ashmolean University of Oxford)
ca.1810 Silk Bonnet (Quelle/source: met Museum New York)
Kleine, kecke Hüte oder Kapotten eroberten die Modewelt allmählich um 1797 und erfreuten sich bis in die 1810er Jahre großer Beliebtheit. Sie schmiegten sich eng um das Gesicht und sicherten sonnenverdrossenen Augen mal mehr oder weniger Schutz. 
Small, sassy bonnets and capotes started to conquer the fashion world gradually around 1797 and remained in favour right into the 1810s. They usually were snug around the face and offered the eyes a moment of rest from the sun.

Klein und keck! Das Hütgen passt perfekt auf einen früh- oder hochromantischen Schopf. Bei genauerem Hinsehen, kann man das Stroh noch unter dem Stoff ausmachen.
Small and sassy! This bonnet fits perfectly well on an early or high romantic head. Upon close look there's a hint of the straw underneath the fabric.
Die Farben ergänzen sich wunderbar.
The colours match wonderfully.

Auch wenn Mme Marotte ihr üblich gelangweiltes Gesicht zur Schau stellt, war sie doch recht begeistert von dem frühlingsleichten Hütgen.
Although Mme Marotte sports her usually bored face, she was smitten by the light weight spring bonnet.
Das Hütgen wurde komplett aus rechteckigen Stoffstreifen gearbeitet. Das Schleifenband wurde schmall eingefasst, wobei das Band nicht im Querverlauf geschnitten wurde um auch hier Stoff zu sparen. Auf diese Weise benötigte ich insgesamt nicht mal einen halben Meter.
The bonnet is made entirely of rectangular fabric pieces. The ribbon was bound with small stripes not cut on the bias, but on the straight grain to save fabric. I didn't even need half a metre of the fabric.
Das Einfassband habe ich in kleine Falten gelegt, die Nahtzugaben untergeschlagen und festgenäht. Die Fältchen wurden nur gebügelt und nicht mit einem Faden fixiert.
The ribbon was folded into pleats, the seam allowance folded in and then sewn to the edge.
The tiny pleats were just ironed and have no further attachment to stay in place.
Der Stoff an der Hutkrone wurde zusammengefasst und in Falten gelegt, dann angenäht und bildet so eine weitere Dekoration hinter den Schleifen.
The fabric on the crown was gathered into pleats, then attached with stitches to be a further decoration to the fabric bow ties.
Den Hut umspielt ein lockerer, lebenslustiger Charme.
The bonnet displays an easy and merry nuance.
Innen ist er mit einfacher weißer Baumwolle gefüttert. Kein Hut aus dem Atelier, sondern eine Heimarbeit, die dem neusten Chic nacheifert und keinem ausgeklügelten Konzept folgt, außer dem zu gefallen.
Inside the hat is lined with plain white cotton. Not a hat from the milliner, but one made at home, trying to mimic the latest fashion without following the guide of a concept, except the aim to appeal.
Auch hier erkennt man wieder die Reihen von Strohband unter dem Stoff.
Again the rows of the straw are visual through the fabric.
Die Dekoration ist üppig, verzichtet aber auf weitere Attribute wie Federn, Blumen oder Schmuck und lebt allein von den Farben und Formen.
The decoration is rich, but hasn't any additional feathers, flowers or ornaments, it just concentrates on the colours and shapes.
Und nun, Hütgen auf und ab in die Frühlingssonne! Bis hoffentlich bald!
And now put your bonnet on and off into the spring sunshine! Hopefully see you soon!

Donnerstag, 27. April 2017

Der kleine Luxus für unterwegs: Das Reise-Coffe-Ameublement

Zu später Stunde kehrte Mme S. von ihrem stets unterhaltsamen Mittwochs-Salon heim. Noch recht beschwingt von der heiteren Atmosphäre, gönnte sie sich einen Blick in die Auslage eines Händlers und entdeckte eine Novität, die sie am folgenden Morgen wieder in die Kunstwaarenhandlung führen sollte.
In the late hours Mme S. returned home from her delightful Wednesday Salon. Still excited from the jolly atmosphere, she treated herself with a peek into the shop window of a merchant on her way home and spotted a novelty, which lured her back to the shop on the very next morning.
Was hatte Mme S. entdeckt, dass sie sich beinah nach dem late night shopping des 21.Jahrhunderts sehnte? 
Eine kleine handwerkliche Kostbarkeit, die widerum einen noch größeren Schatz zu schützen pflegte.
What was it, that caught Mme S.'s attention almost to a degree that she dreamt of 21st century late night shopping? 
A small preciosity of craftmanship, which used to protect an even more valuable treasure.

Futteral, Paris 1797-1809 (Quelle/source: Koller)
Futteral für ein Reisegedeck, Paris 1770er, Invent 1974.221.a.-f. (Quelle/source: HMB Historisches Museum Basel)
Gutes Porzellan und Gegenstände für den Haushalt waren kostbar, dennoch wollte man auch auf Reisen oft nicht auf den gewohnten Komfort verzichten. Eigens gefertigte und maßgeschneiderte Futterale für das Reisenecessaire waren die Lösung und sie waren nicht minder schön gearbeitet als der Inhalt.
Porcelain and tableware have been precious, still many weren't willing to do without their usual comfort on journeys. Custom made cases for the travelling goods proofed to be a great solution and these weren't less beautifully made than their content.
Kaum verwunderlich, dass sich Mme S. für die kleinen Schachteln für eine Coffe/Thee Tasse samt Untertasse prompt begeistern konnte, auch wenn die Aussicht auf Reisen sie nicht immer zu Begeisterungsstürmen hinreisst.
No wonder Mme S. was delighted by the small cases for coffee/tea cups and saucers, even though journeys often aren't her cup of tea.

Für die Schachteln habe ich vier verschiedene Stärken an Holzpappe, Schmuck- oder Vorsatzpapier, Seide und einen alten ausgedienten Lederblouson aus den 1980er Jahren, sowie Messinghenkel und Überfallen verwendet. Dazu kamen Unmengen an Leim und noch mehr Geduld.
For the cases I used four different qualities of wooden pasteboard, book end papers, silk and an old worn and torn leather blouson from the 1980s, furthermore a brass handle and closures. I also needed loads of glue and even more patience.
 
Die Schachteln haben einen Durchmesser von etwa 16 Zentimetern und eine Höhe von weniger als 12 Zentimetern.
The cases measure approx. 16 Zentimetres in diametre and are less than 12 centimetres high.
Die kleinen Messinghenkel stammen aus der Möbelwerkstatt.
The tiny brass handles are taken from the carpentry.
Haken halten die Überfallen geschlossen.
Hooks keep the closures shut.
Die Untertasse liegt geschützt in einem Bodenfutteral. Das Maß ist so berechnet, dass es für verschiedene Untertassenformen passend ist.
The saucer is sitting safe in a padded ring. The measurement is taken to fit for several different saucer shapes.
In die Untertasse wird eine weitere Lage gestellt, in welcher die Tasse einen sicheren Hort findet.
A further interior piece is placed on the saucer to give a safe nest for the cup.
Auch an verschiedene Tassenmaße habe ich gedacht, sodass sowohl die hohe Tasse der Manufaktur Nast, als auch die eher kleine gedrungene Tasse der Manufaktur Fürstenberg hineinpassen.
I also adjusted it to work for different cup measurements. The high cup from the manufacture Nast fits as well as the small and wide Fürstenberg cup.
Durch Filz unter der Seide ist das Porzellan gut geschützt.
With felt hidden under the silk the porcelain is kept safe.
Gleich verpackt für kommende (Studien-)Reisen und Pique-Niques ist...jetzt muß nur noch Reisewetter kommen.
Wrapped up for upcoming travels and pique-niques...now when will spring finally arrive?

Mittwoch, 8. März 2017

Ein neues Kleid...aus Papier und Pappe

In einem meiner letzten Beiträge habe ich bereits angedeutet, dass ich mich nicht nur gerne mit der Verarbeitung von Stoffen auseinandersetze, sondern mir auch Papier- und Papparbeiten viel Vergnügen bereiten.
Das im Titel erwähnte neue Kleid ist also nicht für mich bestimmt, sondern für ein kleines Büchlein, welches ich vor einigen Wochen beim Auktionhaus mit den vier Buchstaben erwarb.
Der kleine Band im Duodezformat (12.6 Zentimeter x 7,6 Zentimeter) stammt aus dem Jahr 1798 und aus der Feder von Oliver Goldsmith (1728-1774). Kenner werden bereits erahnen, dass es sich um das berühmte Werk "The Vicar of Wakefield" (Der Pfarrer von Wakefield) handelt, das erstmals 1766 in einer zweibändigen Ausgabe bei R.Collins, London veröffentlich wurde. Dem vorausgegangen war eine lange Verlagsssuche, denn Goldsmith hatte das Manuskript bereits 1762 nach einjähriger Schreibphase beendet.
In one of my last posts I've already indicated, that I'm not only fond of working with fabrics, but that I also enjoy to work with pasteboard and paper.
Of course the dress I've mentioned in today's blog title is actually not meant for me, but for a small book, which I was lucky to purchase at the four-lettered auction house a few weeks ago.
The little duodez volume (12.6 centimetres x 7.6 centimetres) is from the year 1798 and written by Oliver Goldsmith (1728-1774). Connoisseurs will already know that it's the famous novel "The Vicar of Wakefield", which was first published in 1766 in two volumes at R.Collins, London. Previous to the publication was a long search for a publisher as he already has finished the novel in 1762 after one year of writing the manuscript.
 Bei meiner Ausgabe handelt es sich um einen Druck der Buchhandlung R.Sammer, Wien. Von hier aus nahm das kleine Büchlein eine lange Reise, bis es schließlich - sichtlich mitgenommen - auf meinem Werktisch landete. Nach einem solch langen Leben voller Irrungen und Wirrungen verdiente es ein neues Kleid!
My edition was printed at Buchhandlung R.Sammer, Vienna. From there it went on a long journey, before it found - slightly derranged - it's way to my working table. After such a long life it simply deserved a set of new clothes!
Das Mamorpapier des Umschlag fehlte und gab die Sicht auf die Pappe frei. Der lederne Buchrücken war rettungslos zerrissen.
The marble paper jacket was missing and revealed the pasteboard. The leather spine was torn.
Im Innern sah es auch nicht besser aus, der Buchblock hatte sich gelöst und die Bindung war an vielen Stellen gebrochen.
Inside it was in an even worse condition, the book block was loose and the binding torn in many pages.
Die Verstärkung des Rücken bestand aus einem eingeklebten Blatt eines anderen Druckes.
The backing of the spine was made from a piece of paper from another print.
Die Buchblöcke aus je drei Blatt zu zwölf Seiten mussten komplett gepflegt und neu gebunden werden.
The bookblocks made of three sheets to twelve pages needed to be mend and receive a new binding.
Frisch ans Werk! Die Verwandlung konnte beginnen...
Here we go! The metamorphosis was about to begin...
1786, Charles Reuben Ryley, The Vicar of Wakefield, Vol I Dining in the hayfields (Quelle/source: Yale center for british art)
 ...damit das Büchlein wieder umschwärmter Mittelpunkt und amüsanter Begleiter werden konnte.
...hence the book would again be able to become the center of attention and a much loved fellow companion.
Zunächst trennte ich den Umschlag vom Buchblock und entfernte die Leinenbindung.
First I separated the jacket from the book block and removed the linen binding.
Die losen Duodezblöcke wurden sorgfältig gereinigt und hier und da mit Buchleim gestärkt.
The loose duodez bookblocks were thoroughly cleaned and here and there a bit of book glue helped to strengthen the pages.
Dann ging es mit Nadel und gewachstem Leinenfaden an das meditative Einbinden der Seiten. Eine sehr schöne Anleitung dazu findet sich hier: Buchbinden!
Then I proceded with needle and waxed linen thread to the mediative part of book binding. There's a well explained tutorial here: Bookbinding!
Der Buchblock wächst!
The bookblock grows bigger!
Schließlich ist es geschafft. Im nächsten Schritt wird der Hanffaden etwas eingekürzt und gekämmt.
Finally it's done. The next step includes cutting the hemp thread a bit shorter and combing it.
Auf diese Weise kann der Faden später glatt eingeklebt werden.
This way allows it to glue the thread flat onto the jacket.

Nachdem der Buchblock wieder ordentlich eingebunden ist, folgt ein neuer Umschlag. Die Maße der Pappe habe ich vom Original übernommen, das leider nicht wieder verwendet werden konnte.
Im Innern fand ich noch einen Streifen Marmorpapier, sodass ich dementsprechend ein Umschlagpapier auswählen konnte.
Auch für die Lederarbeit kam nur wiederverwertetes Material in Frage. Vor einigen Jahren hat mir Ute von Schneiderherz großzügig ein paar zugeschnittene Lederstücke ehehmaliger alter Ballhandschuhe zugesandt, später erweiterte ich den Vorrat ein bisschen durch einen Auktionsfund in Frankreich über ein Konvolut alter Lederhandschuhe aus dem frühen 20.Jahrhundert, das ausschließlich aus durchgewetzten und einzelnen Handschuhen bestand.
 After the bookblock was finished, the jacket was due. The measurements were given by the original pasteboards, which were unfortunately too damaged to be used again.
Inside on the pasteboard was still a small piece from the original marble paper, which helped me to choose a new one.
For the leather works I always only use re-cycled material. A few years ago Ute from Schneiderherz kindly has sent me a few cut leather pieces from former vintage operagloves, later I added a lot of torn and worn and single early 20th century opera gloves from a lot I've found in France to my stock.
Das Original dient als Vorbild.
The original serves as guide.
Das originale Reststück des überraschend dünnen Marmorpapiers
The origial remnant of the surprisingly thin marble paper

 
Die einzelnen Schritte der Umschlagfertigung von innen und außen
The single steps of the making of the jacket from the inside and outside
Das Buch in neuem Kleid.
The book in new clothes.

Die Seiten sind wieder fest eingebunden.
The pages are strong again.
Leider besitze ich kein Prägewerkzeug, aus diesem Grund blieb der Buchrücken ganz schlicht.
Unfortunately I do not own a punching tool, hence the spine remained quite plain.

Der Band erhielt auch ein neues Vorsatzpapier im Stil der Zeit.
The book also got new book end papers in contemporary style.

Das Buch ist übrigens reichlich mit Anmerkungen versehen.
Es dauerte eine Weile, bis ich schließlich einen Hinweis fand, um welche Sprache es sich handelt.
Astonishingly the book is covered with annotations on almost every page.
It took me a while to figure out what language it was.
 
Wie es scheint ist das Buch von Wien bis in die Niederlande gereist.
It seems the book took it's journey from Vienna to the Netherlands.

Neben dieser Restauration drucke und binde ich von Zeit zu Zeit auch Texte und Stücke für mich und Freunde, denn die Schriften aus der Zeit um 1800 sind und bleiben doch unser wichtigstes Werkzeug und stetes Füllhorn für neue Idee. 
Wer seine Bibliothek erweitern möchte, sich aber selbst nicht an den Werktisch traut, dem sei From Common Hands Studio ans Herz gelegt. Paul McClintock fertigt wunderbare Lektüre und bringt uns viele vergessene Schätze wieder nah.
I not only did this restauration, but print and bind texts and plays for me and dear friends from time to time, as these prints from around 1800 are and remain our most important tools and a cornucopia of constant inspiration.
If you'd like to add books to your library, but hesitate to print and bind them yourself, please have a look at From Common Hands Studio. Paul McClintock binds beautiful books and brings back many long forgotten treasures.